Dr. Wieslaw Piechocki zu V.Franjevics Kunst



Dr. Wieslaw Piechocki wird nach einer längeren Zeit wieder eine Kunstausstellung von mir, hier im F.Liechtenstein, eröffnen. Das freut mich sehr und bin dafür dankbar! Hier unten ist der Text zu lesen den er das erste Mal zu meiner Kunst verfasste und vortrug! 



Dr. Wieslaw Piechocki und Vlado Franjevic in Vlados Atelier
Dr. Wieslaw Piechocki und Vlado Franjevic in Vlados Atelier

Dr. Wieslaw Piechocki zu Vlado Franjevićs Kunst. Vernissage im Sitz der Stiftung „Neues Lernen“ in Vaduz, 8.4.1994

 

Was kann man also über das Werk von Herrn Franjević sagen? Sie sehen selbst seine Werke, seine „Kinder“ sozusagen. Meine Angelegenheit wäre es kurz und bündig etwas Persönliches über seine Kunst zu sagen. Die Bilder von Herrn Franjevic entfalten einen fabelhaften Reiz in dem Sinn, dass sie als Ausgangsmotiv eine lunare, also mondscheinhafte Vision haben. So ist das besonders in den Werken, die vor etlichen Jahren entstanden sind. Man spürt dort die Suche nach der Geborgenheit (erlauben Sie mir diese psychoanalytische Auslegung), nach der verlorenen Kindheit, wo alles


schön, ruhig, unkompliziert und vor allem geordnet und sicher war.

Aber da kam eines Tages ein Dieb (so ein Bildtitel), oder besser gesagt, während einer Nacht und beraubte diese heile Welt mit allen Attributen der glücklichen Ruhe. Wer oder was ist dieser Dieb? Ich glaube, dass der Künstler sehr schwierige Zeiten erlebt hatte, mit vielen dramatischen Momenten, Enttäuschungen, Zweifeln und deswegen hat sein Dieb viele Namen. So hübsch im Kreise liegt sein Dorf nicht mehr, mit der verlorenen Natur, mit der man sich identifizieren konnte, mit den geliebten Familienmitgliedern und vor allem mit dem Geburtshaus, als Anfang unseres Wanderns hic et nunc. Das Haus ist in seinen frühen Werken das zentrale Motiv, um das sich alles schart: die Vision des modernen Menschen, der durch viele verschiedene Stationen, Zerrissenheiten und Emigrationen hindurch muss, um endlich eine kleine Stabilisierung zu erreichen. Er erreichte die erwähnte Stabilisierung noch nicht. Und er ist stolz darauf. Er sagt selbst: Wenn ich etwas gefunden habe, einen endgültigen Stil, dann bin ich am Ende. Also Angst vor dem Vollkommenen, vor dem letzten Wort, das nur die Endstation seiner schöpferischen Möglichkeiten bedeuten könnte. Deshalb sucht er sich selbst weiter in verschiedenen Techniken, nicht nur in der Malerei, nicht nur in der Bildhauerei, sondern auch in der Dichtung.

 

In der letzteren Ausdrucksweise wiederholt sich das Motiv der Vögel und der Oma. Die Großmutter als tiefe Verbundenheit mit der Erde, mit der Natur, mit der Bäuerlichen Magie, die ihm zeigen konnte, dass die echten Menschen nur diejenigen seien, die in der Symbiose mit der Natur heranwachsen. Wir wissen, wie es heute schwierig ist, zwischen den schnellen Autos, langsamen Waldsterben, großer Hektik und kleinkarierten Ambitionen, dieses Ziel zu erreichen. Die erwähnten Vögel seien nicht nur ein klassisches Motiv der Freiheit, sondern auch... aber hören Sie sein kurzes Gedicht:

 

Ptica se okačila / o strop neba / kao luster / raširila krila / i vršcima dotaknula / dva velika oceana / ponor ocean / i ocean apstrakcija.

 

Der Vogel hat sich / von der Himmelsdecke / wie ein Luster heruntergehängt /

er hat die Flügel ausgebreitet / und mit Spitzen hat er / zwei große Ozeane berührt

einen Ozean des Abgrundes / und den anderen / des Abstrakten.

 

Oder wenn Herr Franjević in einem anderen ganz kurzen Gedicht sagt:

 

Ptičja su perca / molitvenik neba.

 

Die Vogelfederchen sind / das Gebetbuch des Windes,

 

spüren wir in seiner lapidaren Kurzform ohne Titel, dass er als Dichter versteht, sich in seiner Mikrowelt richtig zu bewegen.

 

In seinen Gemälden finden wir auch die Mikrowelt, fabelhaft, ein bisschen wie bei Joan Miró, aber von der Komposition her sehr persönlich: Rahmen in Rahmen, Schachteln in Schachteln, bei denen wir eine überraschende Tiefe entdecken. Er schöpft in der kroatischen Tradition, ihrer Glasmalerei, aber zugleich gemischt mit starkem Hang zum Abstraktionismus, wo man weiter leicht seine geheimnisvolle Aura entdeckt.

 

In den neueren Werken sehen wir mehr Abstraktes, verstärkte Motive des Reisens, wieder Bewegung, aber die Dynamik ist eigentlich im Rückgang, zum verlorenen Paradies, wie es der englische klassische Dichter John Milton definieren würde. Das Gemälde Bäuerin zeigt formell viel Minimalismus, verkoppelt mit neuen Versuchen - Metallplatten in Richtung Collagen. Beim Segelboot mischen sich Melancholie und Sehnsucht mit einer Prise Optimismus. Der Künstler ist diskret. Seine Dramatik wird kunstvoll mit der Stille verpackt. Er will nicht Halsüberkopf schreien, obwohl er etwas von Edvard Munch entlehnt hat.

 

Im Selbstbildnis finden wir seinen Protest, sein Manifest - der Künstler zwischen zwei Polen, zwischen dem All und der Erde, ganz allein mit seiner verwelkten Nabelschnur. Als er vor 15 Jahren anfing zu malen, ahnte er wahrscheinlich nicht, daß er unter den Alpen seine neue Heimat finden wird, dass er sich gerade hier artistisch entfalten wird können und dass er jetzt Hunderte von seinen Skizzen verwirklichen darf.

 

Ganz interessant sind auch seine Skulpturen, die ich sehr kontrastiv begreife - es sind 3 (nur drei - d.h. erste Proben, etwas nicht nur zweidimensional auszudrücken) immobile Mobile. Sie sind schwarz und weis, unvollendet und vollendet, abstrakt und figurativ, perfektionistisch und schmutzig (ich meine die fast schmutzige und von ihm absichtlich gelblich zurückgelassene Farbe, die nach der Schwarz-Weiss-Mischung entstanden ist). Die Mobile müssten eigentlich aufgehängt sein, aber sie befinden sich jetzt auf dem Stativ. Jetzt stehen sie im Freien, aber lassen Sie Ihre Phantasie arbeiten und stellen Sie sich diese Objekte in einer Eingangshalle vor. Wieder eine Einladung an unsere Sinne und Wahrnehmungsmöglichkeiten. Danke, Herr Franjević, danke Stiftung, dass wir das erleben dürften.“




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